03-2014: Projekttage

Zwischen Achatschneckenbabys und Kickboxmeistern
Spenger Realschulprojekttage zwischen Weltmeistern und Ausnahmetieren

Friederike beißt in einen saftigen roten Apfel. Nein, es ist nicht Frühstückspause in der Realschule, sondern ein besonderer Fototermin. Während der vom Arbeitskreis Projekttage unter Leitung von Annika Molitor vorbereiteten Projektwoche steht die Fotogruppe bereit, Friederikes Biss festzuhalten. Die Achatschnecke, selbst gerade ein Teenie mit einem Schneckenhaus in Mandarienengröße, hat gerade ihre Leidenschaft für Äpfel entdeckt. Fressen kann sie, hören nicht. So steht es im Schülerprotokoll, ein Ergebnis des von Andrea Pollmüller angebotenen Projekts „Tiere hautnah“.

Wie es ist, wenn man in der Pubertät stecken bleibt, weil ein Hormon fehlt, das einem die Eierschalen hinter den Ohren entfernt, zeigen die vier Axolotl. Die Lurche bleiben Zeit ihres Lebens im Wasser, denn ihre Lunge kann sich nicht entwickeln, ihre Fortpflanzungsfähigkeit glücklicherweise schon. Sieben Schüler kümmern sich rührend um alles Lebendige wie um die „Wandelnden Blätter“: „Die hängen rum und genießen das Leben,“ charakterisieren sie treffend die grünen Insekten.

Grün geht es im Klassenzimmer von Elisabeth Harting zu. Selbstgeschnitten und gebunden liegen Buchsbaumkränze auf der Fensterbank, ebenso wie Samentüten.

Eineinhalb Kilo Fugenmasse und Wasser nach Gefühl, acht Kilo Waschbetonplatten, alte Schrauben, Nägel und ein ausrangiertes Besteck soll Kunst werden? Dicke Bretter werden gesägt und Phoebe, Jana und Leonie fügen sie zu einem Rahmen zusammen. Mit der Waschbetonplatte und der smoozigen Fugenmasse entstehen Trittsteine, die mit individueller „Gabelung“ nebst Schraubenmosaik mit Sicherheit „Spuren hinterlassen“.

Das Lernen außerhalb der Klassenzimmer und Jahrgangsstufen macht besonders Freude und wenn der Schüler zum Lehrer wird und der Lehrer zum Schüler kehrt sich alles: Renate Reuschenberg sitzt mit ihren Schülern vor der Djembe, einer westafrikanischen Trommel. Die Lehrerin ist die ehemalige Realschülerin Rebecca Fritsche. Mit dem Schellenring an der Fußfessel gelingt bei Bass-, Slap- und Kickschlag jede „Eins“ des Taktes.

Taktvoll geht es auch beim Kung-Fu zu: ein Cello singt, hohe Streicher begleiten. Die Stimmung ist wie bei einem Liebesfilm im Kino. Zwanzig Schüler bewegen sich in harmonischen Kampfstellungen, sanft von einer in die andere Figur gleitend. Die Atmosphäre wechselt zwischen Achtsamkeit und Spannung. Wie ein Bogen gespannt ist Amira bevor sie zuschlägt. Die Rechte schnellt vor, die Linke ist signalhaft erhoben. Das Brett kracht und fällt in zwei Teilen zu Boden. Victor Kure-Wu ist der Meister und hinterlässt Eindruck bei den Realschülern. Gelernt haben sie vor allem Achtung vor Materie und Mensch.

Die Achtung vor allen Menschen steht auch im Mittelpunkt des Projekts „Spenge ohne Rassismus-, Spenge mit Courage“. Schüler der 9. und 10. Klassen erarbeiten eine Antidiskriminierungsagenda. Sie wird am 19.03. Um 14 Uhr beim Projekt „Pro Asyl“ im Bürgerzentrum in Spenge vorgestellt. Ziel ist die Zustimmung des Stadtrats zur Agenda, um Spenge als „Stadt ohne Rassismus“ zu zertifizieren.

Die Uhr läuft, nicht nur für die Zertifizierung, sondern auch für Renee und Lasse. Renee legt den Arm um Lasse. 12 Becher stehen bereit, um in möglichst großer Geschwindigkeit und Perfektion in unterschiedlichen Formationen positioniert zu werden. Renees rechte und Lasses linke Hand arbeiten synchron und superschnell. In 20 Sekunden schaffen sie die Sequenz, angeleitet von Heike Schierholz, der Weltmeisterin 2012 im „Speed Stacking“. Augen-Hand-Kooperation, Hirnhälftenvernetzung und Regeln wie beim Fußball kennzeichnen diese Stapelspielsportart aus den USA, die von den Schülern in 15 Stationen mit Ausdauer geübt wird.

Geübt wird auch auf der Bühne. Die Zehntklässler unter Leitung von Ricardo Machiné erarbeiten zwei Bühnenstücke in englischer Sprache. Gerade kommt das Gespenst aus dem Küchenschrank. Der Schrei, den Jana ausstößt, ist international.

International geht es bei der Projektwoche der Realschule in jedem Fall zu. Japanisch-thailändische Wurzeln hat der Kung Fu. Europameister Musa Dursan trainiert die Kickboxer und hat dafür sein Studio schon um 8 Uhr geöffnet. Sogar 3 Mädchen unterziehen sich dem soliden Trainingsplan, der Kräfte zehrt und Muskeln dehnt. Ein Kampf mit dem Meister ist die Belohnung.

Herr Aurelien Avohien stammt aus Benin (Westafrika). Kunstpädagogin Gabi Ringels lernte ihn bei einer gemeinsamen Ausstellung kennen und konnte ihn für die Projekttage gewinnen. Aus einem halbierten Kanister ringeln Rasterlocken. Lena und Annika haben Jute mit Wolle umwickelt und jede einzelne Locke ist ein Kleinkunstobjekt. Ein weiterer Tisch ist mit kleinen Holztafeln bestückt. Afrikanische Portraits mit liebevoller Randgestaltung in Mischtechnik aus Aquarell und Jaxon-Kreide sind entstanden. Fatih und Felix, Kris und Niklas heißen die Künstler, alle aus der 7. Klasse. Handwerk und künstlerische Idee sind zu einer wunderbaren Synthese verschmolzen und die Siebener sind unerkannte Wunderkinder.

Wunderkind, Eisberg, Feuerwerk und Butterbrot entschlüsseln die Schüler, die bei Barbara Tralle sitzen. Jeder hat ein kyrillisches Alphabet mit Lautschrift vor sich und wenn man die kyrillischen Buchstaben sprechend aneinander reiht, kommt man zu verblüffenden Ergebnissen. Was so fremd wirkt, ist plötzlich nah. So geht es auch Natalja Rossinskaja mit ihren Schülern aus Rshew, die im Schüleraustausch das 4. Mal zu Gast sind bei den Realschülern. Barbara Tralle organisiert mit Unterstützung der Stiftung des deutsch-russischen Jugendaustausches Hamburg den Schüleraustausch seit 2 Jahren.

Eine Deutschlandkarte und eine Russlandkarte so groß wie die ganze Klasse liegen auf dem Boden. Veleria, die Jüngste, steht bei Novosibirsk, spricht zaghaft auf Deutsch. Natalie antwortet auf Russisch. Anastasia und Milena verlassen mit Taschentüchern den Raum. In Russland gleicht Naseputzen dem Toilettengang. Das geht nicht in der Klasse. Andere Länder, andere Sitten.

Andere Zeiten, andere Sitten: Das erfuhren die Schüler des Zeitreiseprojekts in der Museumsschule in Schweicheln und in der Bielefelder Wäschefabrik.

Nach Olderdissen mit dem Rad machten sich 26 Schüler mit Lehrer Simon Speck auf. Drei machten schlapp und drei ganz Pfiffige nahmen das E-Bike.

Geballte Kraft war auch an der Spenger Werburg zu spüren. Mit dem 12 Kilo Kettenhemd und Waffenrock ist man noch ganz schön beweglich. In der mittelalterlichen Rüstung und Schwert flößt Patrick Schuchert aus Enger den Schülern Respekt ein. Mittelalterliches Fechten steht auf dem Programm – mit kleiner historischer Einschränkung. Die Schwerter heute sind aus Latex – dann tut es nicht so weh. Dass die Werburg in Spenge früher weniger friedlich war, zeigen die 1600 Kilo geschmolzene Armbrustbolzen und die nette Sammlung von 54 historischen Kanonenkugeln. Die Werburg war immerhin OWLs größtes Munitionsdepot.

Friedlich ging es bei Charlotte Lischka zu. „Der kleine Hobbit“ wurde zu einem Hörspiel verarbeitet.

Die Fülle von Projekten mündete in einem kleinen Fest. Am Nachmittag des letzten Tages gab es Kostproben akustischer, optischer und kulinarischer Art. Kleine Schule – ganz groß!

Ute Mathwig